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der DFG-VK Bayern

Gewaltfreie  Aktionen  gegen  nationalsozialistische Gewaltherrschaft und Besatzung

Während des zweiten Weltkrieges gab es viele Versuche, gewaltfrei und zivil Widerstand gegen die nationalsozialistische Besatzung zu leisten. Die Aktionen waren vereinzelt, unkoordiniert und ohne vorher entwickeltes Konzept. Trotzdem waren sie im Einzelfall wirkungsvoll. Sie konnten die Gewaltherrschaft nicht überwinden. Aber sie zeigen anschaulich die Möglichkeiten des gewaltfreien Widerstandes.


Gewaltfrei gegen Hitler? - Gewaltloser Widerstand gegen den Nationalsozialismus und seine Bedeutung für heute

von R. Wanie, D. Böhm, Ch. Besemer, Th. Ebert u.a. (Neufassung) , 139 Seiten, 2017, ISBN 3-930010-08-9 ,

Herausgegeben von der Werkstatt für gewaltfreie Aktion, Baden.

www.wfga.de/materialien/buecher.html

Das Dogma vom Scheitern des Pazifismus gegenüber faschistischer Gewaltherrschaft wird in diesem Buch in Frage gestellt. Dazu werden zahlreiche Beispiele erfolgreichen gewaltlosen Widerstands und ziviler Politik gegen den Nationalsozialismus vorgestellt und analysiert. Die Texte in diesem Buch rütteln an den Grundüberzeugungen mehrerer Kriegs- und Nachkriegsgenerationen. Sie wollen zur Überwindung der fatalistischen Kriegsgläubigkeit beitragen.

Hier werden die historischen Beispiele ausführlicher dargestellt., die in unserem Faltblatt kurz angerissen werden.

(Die Seitenangaben in unserem Faltblatt beziehen sich auf die Auflage von 2007)

https://www.wfga.de/startseite

Quelle für diese Broschüre, die inhaltlich nicht online digital verfügbar ist, ist das Buch von Jacques Semelin: Ohne Waffen gegen Hitler, Frankfurt/M. 1995


Ziviler Widerstand durch Regierungen

Während des zweiten Weltkrieges gab es viele Ver-suche, gewaltfrei und zivil Widerstand gegen die na-tionalsozialistische Besatzung zu leisten. Die Aktionen waren vereinzelt, unkoordiniert und ohne vorher entwickeltes Konzept. Trotzdem waren sie im Einzelfall wirkungsvoll. Sie konnten die Gewaltherrschaft nicht überwinden. Aber sie zeigen anschaulich die Möglichkeiten des gewaltfreien Widerstandes.

Dänemark
wurde 1941 von der Wehrmacht besetzt und musste 8 Torpedoboote an die deutsche Reichsmarine abliefern.  

Vor der Auslieferung wurden aber Geschütze, Tor-pedowerfer und Navi-gationsgeräte ausge-baut und versteckt. Die Schiffe waren für die Reichsmarine un-brauchbar. (5)
Die dänische Regierung lehnte jede antijüdische Gesetzgebung ab. 1943 wurde die Evakuierung der dänischen Juden nach Schweden organisiert. (6)

Finnland
war mit dem Deutschen Reich verbündet, aber weigerte sich strikt,  jüdische Finnen auszuliefern.

Rumänien
war ebenfalls mit Deutschland verbündet. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung wurde die geplante Deportation der Juden verzögert. Die Regierung erlaubte noch 1942 die Ausreise von Juden nach Palästina. (7)

Belgien
Das belgische Verwaltungskabinett verweigerte die Mitarbeit bei der „Entjudung der belgischen Wirtschaft“. Die Notare wurden angewiesen, Veräußerungen von jüdischen Liegenschaften nicht zu beurkunden. Das Registergericht weigerte sich, von der deutschen Besatzung liquidierte jüdische Unternehmen aus dem Handelsregister zu tilgen. Belgische Banken meldeten jüdische Konten und Depots nicht an die Militärverwaltung. (8)
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(5) Semelin, s.o., S.66
(6) Semelin, s.o. S. 202f
(7) Semelin, s.o. S. 204, 205
(8) Götz Aly, Hitlers Volksstaat. Frankfurt/M. 2005,  S. 230-233

(9) Alle Beispiele entnommen aus: „Gewaltfrei gegen Hitler“.
Hrsg: Werkstatt für Gewaltfreie Aktion Baden, Karlsruhe 2007
die Seitenangaben bziehen sich auf die Ausgabe von 2007.


Gewaltfreier Widerstand durch Organisationen und Verbände

Norwegen                     
war von Deutschland besetzt, ein Nazi- treues Regime sollte einen faschistischen Staat nach deutschem Vorbild installieren. Doch es entwickelte sich Widerstand gegen die geplante Gleichschaltung der Berufsorganisationen durch massenhaften Austritt: 80% der Rechtsanwälte, 80% der Ärzte, 70 % der Ingenieure verließen ihre Verbände. 1942 widersetzten sich die Lehrer der Gleichschaltung. Trotz ca. 1100 Deportationen in Straflager brach der Widerstand nicht, er weitete sich aus. Die Familien der Deportierten wurden von der Gesellschaft versorgt. Die norwegische Vasallenregierung gab nach. (9)


Niederlande
Die niederländischen Arzte weigerten sich von 1941-43, einer NS-Organisation beizutreten.
2/3 der Ärzte unterschrieben einen Protestbrief, fast alle Ärzte verdeckten 1943 aus Protest ihre Praxisschilder. Die Besatzungsregierung gab nach, verhaftete Ärzte wurden freigelassen. 1943 streikten eine halbe Million Menschen 6 Tage lang gegen einen Zwangsarbeitsdienst. Diese Streiks waren der Beginn des organisierten Widerstandes.
Polen
In Polen errichtete die Widerstandsbewegung im Un-tergrund Schulen und Universitäten. Damit wurde das Ziel der NS- Besatzer, die  polnische Kultur auszulöschen  unterlaufen. In den Jahren 1943 - 44 besuchten 30 % der Grundschüler und 70 % der Gymnasiasten diese illegalen Schulen. (10)


Belgien
Zehntausende belgischer Berg- und Munitionsarbeiter streikten im Mai 1941 zehn Tage lang.      

Die Löhne mussten um 8 % erhöht werden, ebenso die Lebensmittelrationen.


Frankreich
Im Juni 1941 streikten in Frankreich 80 % der Minenarbeiter 14 Tage lang.
Diese Streiks waren auch Ausdruck des Widerstandes gegen die deutsche Besatzung.


Deutschland
Der öffentliche Protest zweier Bischöfe (van Galen und Faulhaber) stoppte 1941 in Deutschland die organisierte Ermordung geistig Behinderter (Euthanasie).
 


Gewaltfreier Widerstand durch Privatpersonen und Gruppen


Erwin Dold,
ein wegen einer Kriegsverletzung nicht mehr kriegsverwendungsfähiger Luftwaffenfeldwebel, wurde als KZ-Kommandant abkommandiert. Erst nach Haslach, dann nach Dautmergen. Gegen den Widerstand der SS verbesserte er die Lebensmittelversorgung, Arbeitsbedingungen und Ge-sundheitsversorgung der KZ- Häftlinge. Auf dem Schwarzmarkt organisierte er Schlachtrinder für die KZ-Häftlinge. 1947 wurde Dold als einziger KZ-Kommandant des Dritten Reiches wegen erwiesener Unschuld freigesprochen. (3)


Franz Hammer,
Weiden. Als Sanitäter und Schreiber in einem Lager versorgte er russische Kriegsgefangene mit Proviant und schützte sie vor Übergriffen der SS. Einen von der SS niedergeschossenen Russen brachte er vor deren Augen aus dem Lager ins Krankenhaus. (4).


Die Weiße Rose
war der Name einer Widerstandsgruppe in München. Sie bestand von Juni 1942 bis zum Februar 1943.    Die Mitglieder der Weißen Rose verfassten, druckten und verteilten insgesamt sechs Flugblätter, in denen zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufgerufen wurde. Die führenden Köpfe der Gruppe wurden gefasst und hingerichtet. (5)


Kriegsdienstverweigerung
Die Justiz der Wehrmacht fällte etwa 40.000 Todesurteile gegen deutsche Soldaten wegen Desertion, Befehlsverweigerung u. a. Delikte. 20 000 wurden vollstreckt.
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1) Gewaltfrei gegen Hitler. Werkstatt für Gewaltfreie Aktion Baden, Karlsruhe 2007, S. 86 f.

2) Stolzfus, Nathan: Widerstand des Herzens; München 1999

3) Badische Zeitung vom 30.4.2005; in 1) S. 95 ff

4) Süddeutsche Zeitung, 12./13.1.2008;

5) Detlef Bald (Hg): Wider die Kriegsmaschinerie. Kriegserfahrungen und Motive des Widerstandes der Weißen Rose. Klartext-Verlag, Essen 2005


Weitere Quellen im Netz:


Der Widerstand der Frauen in der Rosenstraße in Berlin, 1943          

Seite auf englisch - freakhistorian.blogspot.com

Tausende Frauen demonstrierten für die Freilassung ihrer jüdischen Ehemänner aus dem Gestapo- Gefängnis. Nach 7 Tagen Dauerdemonstration wurden ca. 2000 jüdische Gefangenen entlassen. Auch wenn das sehr persönliche Anliegen dieser Frauen deren Risikobereitschaft erhöhte, boten sie dennoch dem ganzen Willkürapparat von SS und Gestapo erfolgreich die Stirn. Wäre diese Aktion anderenorts wiederholbar gewesen?

Zum Bild: Nachgestellte Szene in der Rosenstraße im Film von Margarete von Trotta.


"Widerstand!? Evangelische Christinnen und Christen im Widerstand"

Die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte reagiert mit dieser Internetausstellung auf die veränderten Bedingungen, unter denen sich das Erinnern und Forschen in Bezug auf die NS-Zeit heute vollzieht. Erstmals wird in einer wissenschaftlichen historischen Ausstellung das ganze Spektrum widerständigen Verhaltens von evangelischen Christinnen und Christen im Nationalsozialismus in seinen Konturen und Ambivalenzen dargestellt. Unter einem spezifisch christlichen Widerstand werden die verschiedenen Formen widerständigen Verhaltens unter Rückbezug auf die Bibel und die verbindlichen Grundwerte christlicher Überlieferung verstanden.
Gut gemachtes Internetportal: http://evangelischer-widerstand.de/


Pfarrer Martin Niemöller

Persönlicher Gefangener Hitlers, 1945 befreit             

"Als die Nazis die Kommunisten holten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie die Gewerkschafter holten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie mich holten,
gab es keinen mehr,
der protestieren konnte."

Mehr: http://martin-niemoeller-stiftung.de/


FranzJägerstätter, Kriegsdienstverweigerer http://jaegerstaetter.blogsport.de/ , 1943 hingerichtet

 


Ludwig Baumann, Deserteur , http://ludwigbaumann.de/index.html
1942 zum Tode verurteilt. Seine Todesstrafe wurde in Zuchthaus umgewandelt, mit dem Ende der Nazi- Herrschaft befreit. Mit 97 gestorben.

„Ich hatte erkannt, dass es ein verbrecherischer, völkermörderischer Krieg war.“

Als Wehrmachtsdeserteur hatte er das getan, was jeder deutsche Soldat hätte tun können, um den Vernichtungskrieg der Nazis zu beenden.

Am 3. Juni 1942 desertierte  bei Bordeaux in Frankreich.

Am Tag nach der Desertion wurde er von deutschen Grenzposten gestellt. Am 30. Juni 1942 wurde Baumann wegen „Fahnenflucht im Felde“ zum Tode verurteilt. Davon, dass die Todesstrafe in eine 12-jährige Zuchthausstrafe umgewandelt wurde, erfuhr er erst nach Monaten, die er in Todesangst in der Todeszelle eines Wehrmachtsgefängnisses verbracht hatte. Jeden Morgen rechnete er mit seiner Hinrichtung. Baumann wurde danach im KZ Esterwegen im Emsland inhaftiert und kam später in das Wehrmachtgefängnis Torgau.

Ludwig Baumann war ein unermüdlichen Kämpfer für die Rehabilitierung der Deserteure und anderer von der NS-Gerichtsbarkeit Verfolgten. Er kämpfte für die Entschädigung aller NS-Opfer. Bis zur Aufhebung der Wehrpflicht in Deutschland versuchte er an jedem Einberufungstermin, mit Einberufenen auf dem Weg in die Kaserne ins Gespräch zu kommen. Seine Botschaft lautete: „Leistet Widerstand, wenn ihr Befehle bekommt, denen ihr im zivilen Leben nicht folgen würde. Die Annahme des Bundesverdienstkreuzes hat Baumann unter anderem deshalb abgelehnt, „weil ich keinen Orden haben will, den auch ehemalige Nazis tragen“.

 


Hier ergänzen bzw recherchieren:

weitere Quellen, Forschungen, Literatur zum gewaltfreien Widerstand gegen Diktatur und Besatzung

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